Barrierefreiheit 2.0 – ein langer steiniger Weg und eine wesentliche Komponente in der Corporate Social Responsibility Diskussion

Im September 2011 trat die Version 2.0 der „Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0) [1]  in Kraft. Dabei handelt es sich um Vorgaben, wie Informationen dargestellt werden müssen, um allen interessierten Personen, gesund oder krank, alt oder jung zugänglich zu sein. Diese Regelungen müssen spätestens bis zum 22. März 2014 umgesetzt sein.[2]

In der aktuellen Fassung wurden bereits konkretere Anforderungen definiert. Zum Beispiel wurde zur Farbgebung festgelegt, dass ein „…Kontrastverhältnis zwischen Vordergrund- und Hintergrundfarbe mindestens 4,5:1…“[3]  betragen muss. Vergleichbare Konkretisierungen gibt es bei der Skalierbarkeit von Texten bis hin zum Faktor 200.[4] Der sachliche Geltungsbereich wurde auf Internetauftritte und –angebote,  Intranetauftritte und -angebote der Behörden der Bundesverwaltung festgelegt, die öffentlich zugänglich sind und außerdem auf mittels Informationstechnik realisierte grafische Programmoberflächen, die öffentlich zugänglich sind.[5]

Was bedeuten diese neuen Anforderungen für Entwickler von Add-In’s, Add-On’s oder OBA’s (Office Business Applications) für Microsoft® Office Applikationen, Outlook® und InfoPath®, Visio® oder Project®? Wie muss mit diesen neuen Bestimmungen im Microsoft® Internet Explorer® oder in Adobe® Acrobat® und Adobe® Reader® umgegangen werden? Welcher Mehraufwand in der Entwicklung und Pflege der diversen Softwarekomponenten muss berücksichtigt werden?

Welche Konsequenzen hat dies für die „Massen“ an App’s? Es gibt vier Prinzipien an denen man sich orientieren kann. Zu jedem der Prinzipien gibt es verschiedene Anforderungen.

1. Prinzip Wahrnehmbarkeit

Die Informationen und Komponenten der Benutzerschnittstelle sind so darzustellen, dass sie von den Nutzerinnen und Nutzern wahrgenommen werden können. Eine der Anforderungen hierzu besagt beispielsweise, dass für jeden Nicht-Text-Inhalt eine Alternative in einfacher Textform existieren muss, die die Nutzer je nach ihren individuellen Bedürfnissen anpassen können.[6] Des Weiteren ist definiert: „Nutzerinnen und Nutzern ist die Wahrnehmung des Inhaltes und die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hintergrund so weit wie möglich zu erleichtern.“[7] Dies ist nicht nur für die Menschen wesentlich, die wir im Allgemeinen als „Handicapped People“ betrachten. Es betrifft ca. 5 % [8] der Bevölkerung, zum größten Teil, ca. 25 % der so genannten „normalen“ männlichen Bevölkerung, sie haben eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Farbenfehlsichtigkeit, d.h. Schriftfarben auf gewissen Hintergrundfarben sind für sie nicht erkennbar. So sind bei Grafiken Kurvendarstellungen oft nur durch Farbunterschiede zu differenzieren, für farbenfehlsichtige Menschen sind hier aber keine Unterschiede erkennbar.

Das können Sie als Entwickler tun

Motivieren Sie Ihre Grafiker neben den Farbunterschieden z. B. in Kurvendarstellungen mit Linienunterschieden zu arbeiten. Diese können beispielsweise punktiert oder gestrichelt dargestellt werden. Mit der Mouseover-Funktion können Sie behinderten Nutzern eine Alternativen in Textform anbieten, die in einem eigenen Dialogfenster geöffnet wird.

2. Prinzip Bedienbarkeit

Hierin ist beispielsweise vorgegeben, dass Nutzer genügend Zeit haben müssen, um bestimmte Inhalte zu lesen und diese nicht sofort wieder verschwinden dürfen. Außerdem dürfen die Inhalte nicht so aufbereitet sein, dass die Gefahr besteht damit epileptische Anfälle auszulösen.[9]

Das können Sie als Entwickler tun

Die Bedienbarkeit kann auch dadurch verbessert werden, indem man Konsistenz sicherstellt. Die User Experience sollte immer vergleichbar sein.

3. Prinzip Verständlichkeit

Bei diesem Prinzip geht es darum die Information in verständlicher und nachvollziehbarer Art und Weise zur Verfügung zu stellen. So wird beispielsweise festgelegt, dass Webseiten eine vorhersehbare Struktur haben müssen. Fehlerkorrekturen müssen ebenfalls möglich sein, zum Beispiel durch eine Rückgängig-Schaltfläche.[10]

Das können Sie als Entwickler tun

Ich hole mal etwas weiter aus. Sie könnten eventuell semantische Services nutzen und die Prüfung auf Verständlichkeit automatisieren. Das ist zwar weit hergeholt aber prinzipiell vorstellbar. Bleiben Sie dem altbewährten Grundsatz treu: „Drücke dich klar und verständlich aus, sage ja wenn du ja meinst, sage nein wenn du nein meinst.“ Die Verständlichkeit kann auch dadurch erhöht werden, dass man die Wort- und Satzlängen kritisch prüft. Umso kürzer und präziser die Formulierung ist, umso verständlicher ist diese in der Regel. Albert Einstein wird folgende Aussage zugeordnet: „Man soll die Dinge so einfach machen wie möglich – aber nicht einfacher.“[11]

4. Prinzip Robustheit

Beim Prinzip Robustheit geht es darum, Inhalte zu gestalten, dass sie auch unter ungünstigen Bedingungen noch zuverlässig erkannt und genutzt werden können. Die Informationen und mögliche Benutzeraktionen sollten möglichst von allen Benutzeragenten und assistiven Technologien wie z.B. Screenreader oder Bildschirmlupen, zuverlässig interpretiert werden können.

Das können Sie als Entwickler tun

Auch hier können Sie als Entwickler unterstützen. Sie ermöglichen dem Nutzer Unterstützung bei der Aufnahme der Informationen z. B. Name, Rolle oder Werte und Zahlen werden so präsentiert, dass diese durch Programme erkennbar sind.[12] Beispielsweise könnten Sie Assistenten so unterstützen, dass Fehlersituationen erkannt werden und die Software damit umgehen kann. Es könnte beispielsweise bei möglichen Nutzeraktionen, die eine kritische Situation erzeugen könnten, eine sprachliche Bestätigung gefordert werden. Auch Algorithmen wären denkbar, die nur unter bestimmten Bedingungen Nutzeraktionen zulassen oder diese blockieren, wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind. Der Phantasie sind sicher keine Grenzen gesetzt.

Zusammenfassung

Wie der Titel des Blogeintrags schon sagt, ist es unserer Meinung nach ein langer Weg für Entwickler, um den Anforderungen der Barrierefreiheit zu entsprechen. Uns geht es genauso wie allen Entwicklern, wir nähern uns an die Anforderungen an und versuchen diese sinnvoll umzusetzen. Wir haben das Office Business Gateway Framework in der Version 2011 erstmals so entwickelt, dass es bereits die Anforderungen der neuen Verordnung berücksichtigt und die grundlegenden Mechanismen und Funktionen bietet um einen hohen Grad an Barrierefreiheit in Microsoft® Office oder Adobe® Applikationen zu erreichen. Aus unserer Sicht ist die Rücksichtnahme und Unterstützung behinderter Menschen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Es wird viel über Corporate Social Responsibility geschrieben und gesprochen – fangen wir mit kleinen aber wirkungsvollen Komponenten an.

Die Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0) steht im Internet unter http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bitv_2_0/gesamt.pdf zum Download bereit.

[1] Vgl. Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0), Bundesministerium der Justiz, http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bitv_2_0/gesamt.pdf, Zugriff am 21.05.2012

[2] Vgl. Ebenda, §4 (2) Umsetzungsfristen für die Standards

[3] Ebenda, Anlage 1, Bedingungen 1.4.3 Kontrast, Seite 4

[4] Vgl. Ebenda, Anlage 1, Bedingungen 1.4.4 Veränderbare Textgröße, Seite 4

[5] Vgl. Ebenda, §1 Sachlicher Geltungsbereich

[6] Vgl. Ebenda, Anlage 1, Priorität I, Prinzip 1, Seite 2

[7] Ebenda, Anlage 1, Anforderung 1.4, Seite 4

[8] Vgl. Wikipedia Artikel Farbenblindheit, http://de.wikipedia.org/wiki/Farbenblindheit, Zugriff am 21.05.2012

[9] Vgl. Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung – BITV 2.0), Bundesministerium der Justiz, Anlage 1, Priorität I, Prinzip 2, Seite 4, http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/bitv_2_0/gesamt.pdf, Zugriff am 21.05.2012

[10] Vgl. Ebenda, Anlage 1, Priorität I, Prinzip 3, Seite 6

[11] Zitat von Albert Einstein, Physiker (1879 – 1955)

[12] Vgl. Ebenda, Anlage 1, Priorität I, Prinzip 4, Seite 7