Was ist Context Aware Computing?

Der Begriff Context Aware Computing oder auch kontextbasiertes Arbeiten findet immer öfter den Weg in die IT-Fachpresse. Erst kürzlich wurde Context Aware Computing in den Top 10 Technologie Trends für 2012[1] des Analysten Gartner aufgegriffen.

Im Artikel des CIO Online Magazins wird Context Aware Computing wie folgt beschrieben: „Kontext-sensitive Systeme nutzen Informationen über den Anwender, seine oder die Umgebung von Objekten sowie Aktivitäten und Vernetzungen, um die Qualität der Anwendungen zu verbessern. Systeme, die mit ihrer Umgebung im Austausch stehen, können viele Bedürfnisse der Anwender vorwegnehmen und mit kontext-abhängigen Inhalten, Produkten oder Dienstleistungen befriedigen.“[2]

Gartner bezieht sich in den Trends für 2012 vor allem auf die steigende Relevanz der Technologie für den Consumer-Bereich. Besonders im geschäftlichen Umfeld sind jedoch die Möglichkeiten und Chancen des Einsatzes von kontextsensitiven Technologien nahezu unbegrenzt. Kontextbasiertes Arbeiten wird zu einem wichtigen ökonomischen Faktor, aufwendiges Suchen nach Informationen und das ständige hin- und her Springen zwischen verschiedenen Anwendungen wird verringert, es werden im aktuellen Kontext relevante Informationen bereitgestellt und selektive Wahrnehmungen werden reduziert.

Das Handelsblatt behandelte die Wahrnehmung von Informationen und den Informationsüberfluss bereits in mehreren Ausgaben. So steht dazu in der Ausgabe vom 21.11.2011[3]: „Menschen sind vergesslich und leiden unter selektiver Wahrnehmung – das hat enorme wirtschaftliche Folgen.“ und in der Ausgabe vom 30.09.2011[4] „… ein Büroarbeiter kann sich elf Minuten lang mit einer Aufgabe beschäftigen, dann unterbricht ihn ein Anruf oder eine Mail für durchschnittlich 25 Minuten. Danach hat er wieder elf Minuten, von denen er acht braucht um sich erneut einzuarbeiten.“

Töpfer und Yogeshwar[5] zitieren dazu Jonas: „Wenn zu viele Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen oder Absichten auf uns einströmen, bedienen wir uns in der Wahrnehmung eines besonderen ‚Sortiermechanismus‘. Die Wissenschaft nennt dies ‚kognitive Dissonanz‘.“

Auch wir beschäftigen uns intensiv mit diesen Themen. Sternemann[6] schreibt dazu: „Die Situation ist geprägt von informationstechnischen Insellösungen; durch unterschiedliche oder abweichende Bezeichnungen desselben Objektes durch verschiedene Anwender kommen semantische Probleme hinzu. Dadurch wächst der Zeitaufwand für den Informationsaustausch, was einem Anstieg der Informationskosten gleichbedeutend ist. Gleichzeitig werden notwendige Informationen nicht oder nur verzögert bereitgestellt, wodurch die Qualität der Entscheidung negativ beeinflusst wird, da die Informationswertigkeit sinkt.“

Schon Zuboff[7]  forderte mit der Wortneuschöpfung „Informate“, dass neue Informationsstrukturen über den reinen Bereich des Informierens hinausgehen. Damit Mitarbeiter unternehmerisch entscheiden und handeln können, müssen sie über alle notwendigen Informationen verfügen können. Es ist wichtig zu wissen, welche Informationen über Aktivitäten, in welcher Form, wann und wem zur Verfügung stehen müssen. Diese Fragen können nur beantwortet werden, wenn neben dem entsprechenden Wissen auch adäquate Zugriffsmöglichkeiten auf dieses Wissen, die notwendigen Informationen und den zugehörigen Datenhaltungssystemen vorhanden sind.

In einem unserer Kundenprojekte mit der Landesverwaltung Hessen wurde die Implementierung des Konzepts „Moderner Verwaltungsarbeitsplatz“ von Microsoft, welches auf den kontextbasierten Zugriff auf Fachverfahren aus der Office Oberfläche setzt, vom Fraunhofer Institut begleitet. (siehe dazu Studie des Fraunhofer Instituts) Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass mit der kontextbasierten Arbeitsweise eine Reduzierung der Nettoarbeitszeit um zwei Drittel bei gleichzeitiger Steigerung der Datenqualität erreicht werden kann.“ [8]

Context Aware Computing wird heute oft mit Location Aware Computing verwechselt. Das ist aus unserer Sicht zu kurz gegriffen, denn obwohl der Aufenthaltsort eine interessante Kontextinformation darstellt sind in den meisten Anwendungsszenarien andere Kontextinformationen relevanter. In welchem Stadium befindet sich ein Verkaufsgespräch mit dem Kunden mit dem ich gerade kommuniziere? Welche Kommunikationsmittel habe ich und wie möchte mein Kunde kontaktiert werden? Welches Endgerät benutzt mein Kunde, um mit mir zu kommunizieren?

Durch die unendlich dimensionalen “Kontexträume” werden IT-Architekten oft vor große Herausforderungen gestellt, die durch einen holistischen Ansatz und neuen Architekturparadigmen begegnet werden kann. „In der Vergangenheit wurde bei Themen wie Mehrschichtarchitekturen oder SOA hauptsächlich Themen der Skalierbarkeit und Organisierbarkeit angegangen. Dort war das Individuum als “User” jeweils nur eine statistische Größe. Bestenfalls geclustert in Usergruppen oder Profile – am Ende aber ohne eigene Individualität. Wollen wir Lösungen schreiben, die wirklich “Context Aware” sind, dann müssen wir diese Sichtweise komplett umdrehen und das Individuum in das Zentrum eines ihn umgebenden Kontextraumes (örtlich wie zeitlich) setzen. Der Mensch ist die Mitte”, sagt Combionic CTO Dr. Stefan Zimmermann. Und weiter merkt er an: “Dazu bedarf es auch eines neuen Architekturverständnisses, das Geräte bzw. Apps (als Agenten der persönlichen Individualität) und die Cloud (die universell skalierbare Plattform) kontextbasiert koppelt – zum Glück gibt es heute schon Technologien die dabei unterstützen und dank Cloud Computing und „Smart Devices” kann Software heute besser kontextsensitiv entwickelt werden als früher.“[9]

Die Herausforderung immer genau die richtige Information, zur richtigen Zeit finden zu müssen und zwar in möglichst kürzester Zeit wird nicht nur in der Öffentlichen Verwaltung, sondern in vielen anderen Branchen immer deutlicher und kann außerdem einen erheblichen Wettbewerbsvorteil für Unternehmen bedeuten, die diese Herausforderung mit Hilfe moderner Informationstechnologie entgegen gehen.


[1] Vgl. Cloud, Mobile, Big Data: Gartners Top 10 Technologien für 2012, CIO Online,  http://www.cio.de/strategien/analysen/2292781/index3.html, Zugriff am 8. November 2011.

[2] Cloud, Mobile, Big Data: Gartners Top 10 Technologien für 2012, CIO Online,  http://www.cio.de/strategien/analysen/2292781/index3.html, Zugriff am 8. November 2011.

[3] Tönnesmann, Jens: Wirtschaftswissenschaften – Die Ökonomie der Zeit; Handelsblatt Nr. 225 vom 21. November 2011, Seite 20.

[4] Artikelreihe: Die Ökonomie der Zeit“ – Die Zeitvernichtungsmaschine; Handelsblatt Nr. 190 vom 30. September 2011/ 2. Oktober 2011, Seite 77.

[5] Klaus Töpfer, Ranga Yogeshwar: Unsere Zukunft – Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima; Verlag C.H.Beck oHG, München 2011; Seite 58

[6] Karl-Heinz Sternemann: Team-Informationssystem – Beitrag zur Informations- und Wissensbereitstellung in dezentralen Strukturen; in: Kühnle (Herausgeber): Innovative Produktionsforschung Band 5; Gesellschaft für innovative Systeme mbH, Magdeburg, 2000, Seite 13ff

[7] Zuboff, S.: In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power.; 1. Auflage; 1988

[8] Vgl. Wirtschaftlichkeit und Interoperabilität des ‚Modernen Verwaltungsarbeitsplatz‛ (MVAP) an Musterprozessen im Arbeitsschutz Wiesbaden Fraunhofer Instituts, Fraunhofer Institut für offene Kommunikationssysteme und Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, 2009.

[9] Zimmermann, Stefan Dr., Zitat vom 20. Januar 2012.